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Stand: 11.09.2016

Pressemitteilung

Einen Weg aus der persönlichen Krise finden

Suchtberaterinnen und Leiterin: von links) die Suchtberaterinnen Elisabeth Segiet, Andrea Rouget und Renate Rauch sowie Leiterin Marlen Bauer. (von links) die Suchtberaterinnen Elisabeth Segiet, Andrea Rouget und Renate Rauch sowie Leiterin Marlen Bauer. Christine Kraus / Caritasverband für die Diözese Speyer

"Eine Sucht kann jeden treffen, vom Anwalt bis zum Arbeiter". Peter M. weiß, wovon er spricht. Der 36-jährige Familienvater hat ein Leben hinter sich, das sich viele nicht mal in ihren schlimmsten Träumen ausmalen würden. Seit seinem 12. Lebensjahr waren Alkohol und Drogen sein ständiger Begleiter. Seit zehn Monaten ist er clean und trocken und hat ganz fest vor, das auch zu bleiben. Das ist harte Arbeit, die ihm unglaublich viel abverlangt. Unterstützung bekommt er dabei von der Suchtberatung des Caritas-Zentrums in Speyer.

"Ich komme aus einem ganz normalen intakten Elternhaus", darauf legt Peter M. Wert. Peter ist nicht sein richtiger Name, doch er möchte nicht erkannt werden. Denn das was er jetzt erzählt, erfordert sehr viel Mut. Als Internatsschüler kam er über Freunde im Alter von 12 Jahren erstmals in Kontakt mit Alkohol und Drogen. "Ich wollte halt cool sein", sagt er. Mit 14 hat er Amphetamine wie Speed und Ecstasy konsumiert, mit 16 hat er auf Tecno-Partys begonnen Kokain und LSD zu nehmen. In den ersten Jahren habe er das nur so zum Spaß gemacht und nur am Wochenende. Schließlich hat er einen Beruf erlernt und während der Woche gearbeitet.

Mitte 20 ging es dann keinen Tag mehr ohne Alkohol. Vier bis fünf Bier am Tag waren ganz normal und am Wochenende ging es dann richtig zur Sache: Drogen und alles, was ihm an Alkohol so in die Finger kam. "Whiskey-Cola, Bier, Jägermeister", zählt er auf, "Wenn man auf Drogen ist, merkt man den Alkohol nicht mehr". Auch nicht Hunger oder Müdigkeit. Fünf bis sieben Tage am Stück blieb er wach und nahm drastisch ab. "Ich bin arbeiten gegangen und am Leben geblieben", fasst er die Situation zusammen. Immerhin habe es keine Beschaffungskriminalität gegeben, gewalttätig sei er allerdings schon geworden, gibt er zu. "Ich hatte kein Mitgefühl mehr, keine Empathie. Mir war es egal, wie es anderen geht", gesteht er.

Dann mit Ende 20 habe ihn die Polizei stockbetrunken im Drogenrausch auf der Maximilianstraße in Speyer mit gezogener Waffe aufgegriffen und in die Ausnüchterungszelle gesteckt wurde. Er erinnert sich noch, wie er auf die Polizisten losgegangen ist und mit Pfefferspray besprüht wurde: "Ich bin völlig durchgedreht. Mit Hand- und Fußfesseln fixiert bin ich nach Klingenmünster in die Psychiatrie gebracht worden". Zwei Tage später ist er auf eigene Verantwortung wieder nach Hause gegangen und hat dort weitergemacht, wo er aufgehört hat. "Ich dachte ja, ich hatte alles im Griff", sagt er. Ein fataler Irrtum. Als die Nase zu kaputt war, um Amphetamine zu ziehen, trank er noch mehr Alkohol, nahm Antidepressiva und Schmerzmittel.

Mit 28 rastete er bei seinen Eltern völlig aus und wurde wieder nach Klingenmünster eingewiesen, wo er erst einmal komplett entgiftet wurde und ein dreieinhalbmonatige Langzeittherapie bekam. "Dort habe ich viele Heroinsüchtige kennengelernt. Ich war erschrocken und bin so froh, dass ich das nie in die Finger bekommen habe", erzählt er.

Nach der Therapie schien alles gut zu werden. Peter M. ist mit seiner Partnerin zusammengezogen. Zweieinhalb Jahre ist er ohne Drogen und Alkohol ausgekommen bis zu jenem fatalen Junggesellenabend, an dem er geplant rückfällig geworden ist. Nur dieses eine Mal hätte es sein sollen. Doch er fing wieder an zu trinken, eineinhalb Jahre später kamen die Drogen wieder ins Spiel. Nach einer schmerzhaften Operation auch noch Opiate. Dann kam der körperliche Zusammenbruch. Peter M. wurde ins Krankenhaus eingeliefert. "Ich habe mich nachts davongeschlichen und mich in einer Kneipe besoffen. Daraufhin bin ich aus dem Krankenhaus geflogen", erzählt er.

Zu diesem Zeitpunkt war seine kleine Tochter eineinhalb Jahre alt und seine Frau stellte ihn zur Rede, fragte ob er wieder auf Alkohol und Drogen sei. "Süchtige sind Meister im Lügen und Täuschen. Sie schaffen es tatsächlich lange Zeit unerkannt zu bleiben", gibt Peter M. zu und erzählt wie er den Wodka heimlich in der Wohnung versteckt habe und beim Gassigehen mit dem Hund an der Tankstelle sich schnell ein paar Jägermeister reingezogen habe. Unter Tränen gestand er seiner Frau alles. Sie stellte ihn vor die Wahl: entweder er unternehme etwas, oder sie und die gemeinsame Tochter würden gehen. "Das war das beste was sie machen konnte, das hab ich gebraucht", sagt er jetzt.

Er hat sofort in Klingenmünster angerufen, auf dem Weg dahin noch Bier an der Tankstelle gekauft. Dann kam der Entzug. Brutal, viel schlimmer noch als beim ersten Mal. Schmerzen, Unruhe, Schweißausbrüche, Übelkeit und das Bewusstwerden dessen, was er seiner Familie mit seiner Sucht angetan hat. "Sie lieben mich und ich habe sie so verletzt. Das ist ein Gefühlschaos hoch zehn."

Gleich nach der Entlassung hat er sich einer Selbsthilfegruppe angeschlossen. Das sei so unglaublich wichtig, sagt er, denn dort werde er verstanden, dort finde er ein offenes Ohr. Dort hat er gesehen, dass Sucht keine Frage der Ausbildung, des Standes oder Alters ist. Und dort bekam er den Tipp: "Ruf die Caritas an!" Das hat er gemacht, mitten im ersten Lockdown. So hat er die Suchtberaterin Andrea Rouget kennengelernt. Erst fanden die Beratungen telefonisch statt, später persönlich. Mit ihr hat Peter M. gelernt, seine Sucht und seine Gefühle zu verstehen, Strategien eingeübt, mit dem Suchtdruck umzugehen. "Wir haben sehr viele Sachen in meinem Leben aufgeräumt, aus der Vergangenheit und der Kindheit", erzählt er. Er treibt wieder regelmäßig Sport arbeitet viel im Haus und Garten. "Sein großer Motivator sind seine Frau und seine kleine Tochter", erklärt Andrea Rouget.

"Mir geht’s heute besser denn je", sagt Peter M. und seine Augen strahlen. Er freut sich auf Weihnachten, auf die Zeit mit der Familie. Angst rückfällig zu werden, hat er nicht: "Ich brauche keinen Alkohol, aber wenn die anderen etwas trinken möchten, ist das kein Problem für mich."

 

Suchtberatung - einen Weg aus der persönlichen Krise finden

Die Corona-Pandemie ist eine enorme Herausforderung für die Menschen. Das bekommen die Psychologin Elisabeth Segiet und die beiden Sozialarbeiterinnen Andrea Rouget und Renate Rauch deutlich zu spüren. Sie sind Suchtberaterinnen im Caritaszentrum in Speyer. Dort ist die Nachfrage nach Trinkreduktionsprogrammen deutlich gestiegen, aber auch Gaming und exzessive Mediennutzung ist zunehmend ein Thema. Studien hätten gezeigt, dass während des Lockdowns im Frühjahr der Alkoholkonsum in der Bevölkerung deutlich zugenommen habe, erklärt Elisabeth Segiet.

Existentielle Ängste aber auch Langeweile und mangelnde Tagesstruktur  nach einem Arbeitsplatzverlust oder im Homeoffice  seien Trinkmotivatoren. Alkohol kommt eine Belohnungsfunktion zu und kompensiert derzeit wegfallende Ablenkungen. Aber auch das ungewohnte ständige Zusammensein in der Familie berge Konfliktpotential. Probleme, die vorher schon da waren, werden durch Corona verstärkt und lassen Menschen zur Flasche greifen.

Neben abstinenzorientierten Behandlungswegen können Menschen mit Alkoholproblemen, die sich eine völlige Abstinenz (noch)  nicht  zutrauen, in der Suchtberatung des Caritaszentrums auch lernen, selbstkontrolliertes Trinken- nach bestimmten Regeln, vorausgeplant - einzuüben. Damit könne man mehr Menschen erreichen und zumindest eine Schadensbegrenzung  erzielen, erklären die Suchtberaterinnen. Die Programme gehen in der Regel  über drei Monate. Wenn klar werde, dass das nicht  funktioniere,  werde versucht, völlige Alkohol-Abstinenz zu erreichen, entweder durch eine ambulante Reha oder in einer Klinik. Zu der ambulanten Reha im Caritas-Zentrum gehören Einzel- Gruppen und Familientherapien sowie eine Laufgruppe.

"Das sind ganz normale, nette Menschen, die zu uns kommen. Meist zwischen 40 und 60 Jahren alt", sagt Andrea Rouget. Zunehmend auch Frauen und jüngere Leute. Im vergangenen Jahr waren es rund 190 Klienten, dazu zählen Betroffene aber auch deren Angehörige und Kinder. In diesem Jahr werden es wohl über 249 (Stand heute) werden schätzt Renate Rauch. Manche kommen nur drei Mal vorbei, andere über Monate zwei Mal pro Woche.

Kontakt:

Caritas-Zentrum Speyer
Ludwigstraße 13a
67346 Speyer
Telefon: 06232 / 8725-112
E-Mail: caritas-zentrum.speyer@caritas-speyer.de

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