URL: www.caritas-zentrum-speyer.de/aktuelles/presse/280-euro-miete-fuer-50-quadratmeter--das-ist-voellig-unrealistisch-c9647492-8e4f-4ecf-81ca-93b8222b0
Stand: 11.09.2016

Pressemitteilung

„280 Euro Miete für 50 Quadratmeter – das ist völlig unrealistisch“

Mitarbeiter des Caritas-Zentrums hatten Wohnzimmermöbel auf die Straße gestelltCaritas-Zentrums-Leiterin Sabine Heyn brachte dem Frankenthaler Bürgermeister und Sozialdezernenten Andreas Schwarz die Sorgen der von Wohnungsnot betroffenen Kunden des Caritas-Zentrums näher.

Die derzeit herrschende Wohnungsnot betrifft viele Gesellschaftsschichten. Der Anspruch auf eine eigene Wohnung ist ein Grundbedürfnis, nach Ansicht der Caritas ein Grundrecht. "Jeder Mensch braucht ein Zuhause" ist deshalb der Titel einer Jahreskampagne des Deutschen Caritasverbandes, an der sich am Samstag die Beratungsstelle Frankenthal des Caritas-Zentrums Speyer mit seiner Aktion "Zimmer auf der Straße" beteiligte.

Wohnmöbel - ein Esstisch und ein Sofa - hatten die Caritas-Mitarbeiter mitten in der Fußgängerzone im Vorfeld des Wochenmarktes in Frankenthal in der Speyerer Straße platziert. So machten sie auf die aktuell herrschende Wohnungsnot in Frankenthal aufmerksam. Dabei trafen sie auf viel Zustimmung bei den Passanten. Das Thema Wohnungsnot ist inzwischen ein Problem, das nach Ansicht der Caritas in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

"Es ist für viele Menschen eine Negativspirale: keine Wohnung, keine Postadresse, kein Job und somit keine Erreichbarkeit zum Beispiel für die Arbeitsvermittler im Jobcenter", beschreibt der Caritas-Mitarbeiter Rouven Anspach die Situation. Wohnungsnot gebe es nicht nur in Großstädten. Wenn auch nicht so ausgeprägt, werden die Caritas-Mitarbeiter in Frankenthal in den Beratungsgesprächen immer wieder mit dem Thema konfrontiert. "Immerhin bei rund 20 Prozent der Gespräche der Allgemeinen Sozialberatung geht es auch um das Thema Wohnungssuche. Etwa ein Fünftel der Beratenen ist wohnungslos", informiert Anspach, bei der Caritas-Beratungsstelle in Frankenthal für die Allgemeine Sozialberatung zuständig. "Bei 280 Euro liegt die sogenannte Angemessenheitsgrenze des Jobcenters für 50 Quadratmeter Wohnfläche. Dafür ist in Frankenthal so gut wie keine Wohnung zu haben", so Anspach. Für arg in Not geratene Menschen bietet die Caritas in Frankenthal zumindest eine Postadresse an, sagt seine Kollegin Claudia Wetzler. 31 Wohnungslose nutzen dieses Angebot derzeit. Sabine Heyn, Leiterin des Caritas-Zentrums Speyer, bemängelt, dass es in der Stadt keine Wohnungsvermittlung für in Not geratene Menschen gibt, dass es an einer Fachstelle für Wohnraumhilfe fehle. "In Frankenthal wird darauf gesetzt, dass der Markt alles regelt. Aber in den Immobilienforen und selbst bei der Baugesellschaft in Frankenthal sind kaum Angebote von bezahlbarem Wohnraum zu finden", so Heyn.

Passanten informieren sich am Stand des Caritas-Zentrums. Stefan Tresch / Caritasverband Speyer

Die Wohnraumsituation sei oft Thema in Beratungsgesprächen mit ganz anderen Schwerpunkten, berichtet Claudia Wetzler, beispielsweise in der Schwangerschaftsberatung. "Familien kommen immer wieder in sehr schwierige Situationen, die dann auch das Kindeswohl betreffen könnten. Für Schwangere ist die Wohnraumfrage wichtig."

Vielleicht müsse sich in den Köpfen der Menschen beim Thema Wohnraum einiges bewegen, ergänzt Heyn. Mit Blick auf den demografischen Wandel müsste vielleicht eine Wohnungstauschbörse initiiert werden, so ihr Vorschlag. "Viele Senioren leben alleine in einer großen Wohnung und haben eher zu viel Platz, während für Familien größere Wohnungen fehlen", benennt sie ein Problem. "Senioren-Wohngemeinschaften oder generationenübergreifende Wohngemeinschaften, in denen man sich gegenseitig hilft, könnten ebenso Modelle für die Zukunft sein." Grundproblem: Es müsste alles koordiniert werden.

Die Caritas-Mitarbeiter riefen dazu auf, freie Wohnungen an Wohnungssuchende zu vermieten. "Nur gemeinsam können wir die Zahl der Wohnungssuchenden reduzieren." Für viele Investoren lohne es sich nicht, in den sozialen Wohnungsbau einzusteigen, beklagen die Caritas-Mitarbeiter. Zudem würden die Baupreise ständig steigen.

Schade fanden die Caritas-Mitarbeiter, dass sowohl Vertreter der Stadt Frankenthal als auch der Baugesellschaft eine Einladung an den Aktionsstand ausschlugen. Die Stadt machte Terminnot geltend.  Zumindest Bürgermeister und Sozialdezernent Andreas Schwarz (SPD), der um die Mittagszeit zufällig vorbeikam, stellte sich dann doch noch einem Gespräch. Eine Erfahrung der Caritas-Mitarbeiter in ihrer Freiluft-Wohnung: Wohnungsnot ist für ganz viele Menschen ein Thema. Und sei es nur, dass sie jemand kennen, der davon betroffen ist.

Malgorzata Tomaszewska und Marjoric Riedel nutzten den Aktionsstand, um auf den in Frankenthal neu installierten Kinderschutzdienst aufmerksam zu machen. Die Beratung richtet sich an Kinder, Jugendliche, die Gewalt erlebt haben und erleben. Gewaltfreie Erziehung sei in Gesprächen mit den Eltern ein Thema. Die beiden Caritas-Mitarbeiterinnen sind präventiv an Schulen tätig, bieten Beratungen an. Kinder können sich direkt an die Beraterinnen wenden. "Kinder wissen oft gar nicht, dass ihnen Gewalt angetan wird, weil die Gewalt ihr Alltag ist", so Tomaszewska. "Frankenthal hat in diesem Bereich leider Potential", sagt Riedel. Eine feste Beratungszeit ist mittwochs von 9 bis 11 Uhr in der Caritas-Beratungsstelle, Westliche Ringstraße eingerichtet. Telefonisch sind die Mitarbeiterinnen unter 06233 327033 zu erreichen. Im Rhein-Pfalz-Kreis und in Speyer gab es den Kinderschutzdienst bereits.

Text und Fotos: Stefan Tresch für den Caritasverband für die Diözese Speyer

Copyright: © caritas  2018